Anfang 2026 war sich die Finanzpresse ziemlich einig: Die EZB würde ihren Leitzins im Laufe des Jahres weiter senken, die Zeit der hohen Zinsen sei vorbei. Ich pflege unter anderem Kapital-Spiegel, einen deutschsprachigen Ratgeber zu Geldanlage, Steuern und Vorsorge, und hatte entsprechend einen Artikel über die Aktienmarkt-Aussichten fürs dritte Quartal mit genau dieser Prämisse geschrieben: sinkende Zinsen, steigende Bewertungen.
Die Prämisse war falsch. Und das Nachziehen war eine gute Übung in Content-Hygiene.
Was tatsächlich passiert ist
Die Inflation in der Eurozone zog im Sommer wieder an: 2,9 Prozent im Juli, 3,3 Prozent im August. Statt zu lockern, hat die EZB nachgezogen. Am 10. September 2026 wurde der Einlagesatz um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent angehoben, der Hauptrefinanzierungssatz auf 2,65 Prozent, wirksam ab dem 16. September. Keine Trendwende nach unten, sondern die zweite Anhebung des Jahres.
Für einen Ratgeber, der Lesern erklären soll, wo sie ihr Erspartes 2026 am besten parken, ist das kein Detail. Eine Prognose, die "sinkende Zinsen" unterstellt, führt zu falschen Handlungsempfehlungen – etwa dazu, sich jetzt einen vermeintlich "letzten guten" Festgeldzins zu sichern, obwohl das Gegenteil der Fall war.
Die Lehre: Zinsprognosen sind keine Fakten, EZB-Beschlüsse schon
Ich habe daraufhin durchgesehen, welche Artikel auf der Seite Zinsentwicklungen als Fakt behandelten, die eigentlich nur Prognosen waren, und wo tatsächliche EZB-Beschlüsse zitiert wurden. Das klingt banal, ist es aber nicht: In Finanzartikeln, die über Monate online bleiben, vermischen sich schnell "die EZB wird wahrscheinlich senken" (Stand: Zeitpunkt der Veröffentlichung) und "der Leitzins liegt bei X Prozent" (muss laufend aktualisiert werden, sonst wird aus einer Momentaufnahme eine falsche Tatsachenbehauptung).
Ein Beispiel, das sich sauber lösen ließ: In einem Artikel über Neobanken und die Fintech-Revolution in Deutschland ging es unter anderem darum, wie Anbieter wie Trade Republic ihre Girokonto-Verzinsung an den EZB-Einlagesatz koppeln. Der Mechanismus selbst war richtig beschrieben – aber der zitierte Zinssatz war der von vor der Erhöhung. Nach der Korrektur liegt die verzinste Einlage bei Trade Republic nun bei den aktuellen 2,50 Prozent, exakt dem EZB-Einlagesatz nach dem Beschluss vom September.
Was das für Sparer praktisch bedeutet
Zwei Dinge, die über die Korrektur eines einzelnen Artikels hinausgehen:
Tagesgeld- und Neobank-Zinsen folgen der EZB fast verzögerungsfrei. Wer sein Geld bei einem Anbieter liegen hat, der den Einlagesatz direkt weitergibt, hat die Zinserhöhung im September automatisch mitbekommen, ohne selbst etwas zu tun. Das ist der eigentliche Vorteil solcher Produkte gegenüber klassischen Tagesgeldkonten, bei denen Banken Erhöhungen oft erst mit Verzögerung und nicht vollständig weitergeben.
Die Realverzinsung bleibt trotzdem knapp. Bei 2,50 Prozent nominalem Einlagesatz und einer Inflation von 3,3 Prozent im August liegt die reale Rendite auf Tagesgeld weiterhin im negativen Bereich. Die Zinserhöhung ist eine Reaktion auf die Inflation, kein Ausgleich dafür. Für die Einordnung "lohnt sich Tagesgeld jetzt wieder" ist das der entscheidende Unterschied zwischen nominalem und realem Zins, der in vielen Vergleichsportalen unter den Tisch fällt.
Der nächste EZB-Zinsentscheid steht am 29. Oktober 2026 an. Ob es dabei zu einer weiteren Anhebung, einer Pause oder einer ersten Senkung kommt, werde ich nicht vorhersagen – aber ich werde dieses Mal die bestehenden Artikel zeitnah nachziehen, statt eine Prognose als Dauerzustand stehen zu lassen.
Wie ich das jetzt systematisch angehe
Eine Korrektur reicht nicht, wenn das Grundproblem strukturell ist. Ich habe für Kapital-Spiegel inzwischen eine einfache Regel: Jeder Artikel, der eine konkrete Zinsangabe (Leitzins, Einlagesatz, Tagesgeldzins eines bestimmten Anbieters) enthält, bekommt ein Änderungsdatum direkt neben der Zahl im Text, nicht nur im Impressum oder im dateModified-Feld. Das zwingt beim nächsten Update dazu, die Zahl aktiv zu bestätigen oder zu korrigieren, statt sie stillschweigend stehen zu lassen. Zusätzlich verlinke ich Zinsangaben, wo möglich, auf die offizielle EZB-Pressemitteilung des jeweiligen Beschlusses statt auf eine Sekundärquelle – dann ist beim Leser und bei mir selbst sofort ersichtlich, ob die Zahl noch zum zitierten Beschluss passt.
Für einen Ein-Personen-Betrieb, der mehrere Fachseiten pflegt, ist das kein Luxusproblem. Zinsentscheide sind planbare Ereignisse – die EZB tagt nach festem Kalender –, und genau deshalb lässt sich ein Review-Rhythmus dafür einrichten, statt auf zufällige Leserkommentare zu warten, die auf veraltete Zahlen hinweisen.